BRC113: Family Influencing: Kinderdarstellungen auf Instagram, TikTok und YouTube Intro: Wie werden Babys und Kinder bis zu fünf Jahren auf den Plattformen Instagram, TikTok und YouTube in monetarisierten deutschsprachigen Family-Influencing-Profilen dargestellt? Das hat ein Team von Dr. Stephan Dreyer und Dr. Claudia Lampert am Leibniz-Institut für Medienforschung I Hans-Bredow-Institut untersucht. Im BredowCast erläutert Stephan Dreyer nun die Studienergebnisse und die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen. Jingle: Bredow-Cast – Wir erforschen was mit Medien Kristina Kobrow: Lieber Stephan, herzlich willkommen, schön, dass du da bist. Stephan Dreyer: Hallo Kristina, danke für die Einladung. Wir wollen heute sprechen über Family-Influencing, machen mal eine Bestandsaufnahme, gucken, was habt ihr eigentlich mit der Studie herausbekommen. Aber ich glaube, wir müssen mit einer Definition am Anfang mal starten. Magst du mal erläutern, was Family-Influencing genau bedeutet? Stephan Dreyer: Das wäre jetzt der normale Einstieg. Diese Studie ist deswegen so undefiniert, weil der Auftrag war, die deutsche Family-Influencing-Sphäre sozusagen sich einmal anzuschauen mit Blick darauf, wie Kinder dort dargestellt werden. Und dann war unsere erste Rückfrage, wer oder was sind Family-Influencer? Denn das ist weder rechtlich noch sozialwissenschaftlich definiert, sodass wir uns zunächst mal mit den Auftraggebern getroffen haben, um zu gucken, was sind eigentlich Einschluss- und Ausschlusskriterien für das Sample, was wir für diese Studie benutzen wollen. Und dann wurde relativ schnell klar, aus einer kommunikationswissenschaftlichen Sicht, sind Influencende erst mal Profilinhaber*innen mit einer gewissen Reichweite. Das heißt also, wenn sie etwas sagen, sagen sie das eher als öffentliche Sprecher an eine Community, die zum Beispiel aus 1000 oder mehr besteht. Oft auch über eine Million. Also das sind dann halt die großen Influencenden. Und dann wurde klar, dass wir hier aber uns besonders mit monetarisierten Profilen auseinandersetzen wollen, weil sich nämlich dann aus Sicht der Influencenden etwas verschiebt. Man ist eben nicht mehr nur Sprecher, sondern man macht das auch, um Geld damit zu verdienen. Und das verändert sozusagen Entscheidungsmöglichkeiten, Anreize, wirtschaftliche Logiken und so weiter. Und deswegen haben wir gesagt, okay, dann sind für uns Family-Influencende hier erst mal welche, die monetarisierte Profile haben. Also die Geld umsetzen mit dieser Art von Content Creation. Kristina Kobrow: Also Werbung. Stephan Dreyer: Jein, also kommerzielle Kommunikation, weil Werbung ist in der Regel ja etwas, wo man für andere Dienste, Produkte und so weiter Werbung macht. Was wir bei den Influencenden gesehen haben, ist, dass die aber eine ganze Palette an kommerzieller Kommunikation können. Also die können zum Beispiel auch für eigene Produkte, für eigene Dienstleistungen Werbung machen bei ihrer Community, wo sie dann zum Beispiel bestimmte Beratungen anbieten oder Produkte, die sie selber rausgeben. Also Merch zum Beispiel oder eine Marmelade oder ein Deo oder Körperpflegeprodukte und so weiter. Sodass wir gesagt haben, das sind die Profile, die wir uns angucken. Also monetarisierte Profile von solchen Family-Influencenden. Und Family-Influencing sagt es schon im Namen, das ist erst mal so ähnlich wie anderes Influencing auch. Bloß rund um den Themenbereich Familie, Erziehung, Aufwachsen sozusagen der eigenen Kinder. Also wie ich als Eltern umgehe sozusagen mit dem Alltag, mit Herausforderungen, mit schönen und schlechten Momenten. Kristina Kobrow: Das heißt, es müssen logischerweise eben Kinder dabei sein. Also Minderjährige, wenn wir von Family-Influencing sprechen? Stephan Dreyer: Also jedenfalls auf der Themenebene. Wir haben auch Accounts gefunden, die machen Family-Influencing, ohne dass ein Kind jemals zu sehen ist auf diesem Profil. Das sind entweder KI-generierte Inhalte, wo also zum Beispiel bestimmte Produkte einfach in Szenerien eingesetzt werden und dann beworben werden. Da spielt kein echtes Kind sozusagen irgendeine Rolle. Aber es gibt auch sozusagen echte Inhalte, wo die Eltern sich offenbar dazu entschieden haben, dass die Kinder, die sie offenbar haben, aber dass die keine Rolle spielen sollen in dem Content, den sie kreieren. Also die spielen dann praktisch auf der Audio-Ebene mit. Aber das Kind selbst ist nicht zu sehen. Auch die haben wir dann tatsächlich nicht in unserer Studien-Sample aufgenommen, weil wir ja gerade die Darstellung von Kindern beforschen wollten, dass wir gesagt haben, okay, aber super interessant merken wir uns sozusagen, es gibt auch die Family-Influencenden, die keine Kinder zeigen. Kristina Kobrow: Wie habt ihr das denn jetzt konkret gemacht? Also welche Accounts habt ihr angeschaut und wie findet man denn die Accounts tatsächlich? Stephan Dreyer: Ja, das ist auch wieder schön, weil immer wenn wir mit sozialen Medien zu tun haben, wissen wir aus Forschungssicht, oh, methodisch ist es schwierig mit der Sample-Bildung, denn wir kennen die Grundgesamtheit nicht. Also wir werden niemals alle Family-Influencenden aus Deutschland finden auf dieser Plattform, weil wir keinen Zugang, keinen systemischen, strukturellen Datenzugang haben zu den Plattform-Daten, wo man dann anfangen würde zu gucken. Kristina Kobrow: Und es gab auch keinen Aufruf sozusagen von euch, dass sich jemand bei euch melden kann oder so, also Influencender oder so, das gab es nicht? Stephan Dreyer: Nee, weil wir wollten jetzt gucken, wie praktisch Rezipienten, die im Netz unterwegs sind, auf diese Family-Influencenden treffen, damit wir möglichst die finden, die unter dieser Flagge auch sich öffentlich machen. Also wir haben das auf unterschiedliche Wege gemacht. Wir haben zunächst erstmal bei großen Marketing- und Influencing-Agenturen uns angeschaut, wen haben die dort alles unter Vertrag im Bereich Family-Influencing, daraus haben wir uns Listen gebaut. Wir haben nach, ich weiß nicht, 25, 26 Hashtags gesucht, das ist dann so #MomFluencing, #DadFluencing, #Familienzeit, #Elternzeit, #Erziehungstipps und so weiter. Wir haben also breit in dem Themenspektrum nach Hashtags gesucht und welche Profile dann dort auftauchen mit unterschiedlichen Beiträgen. Das war also erstmal der große Zugang und dann kennen wir das alle, wenn wir anfangen, uns für Themen wie Familie und Erziehung zu interessieren, dann kickt halt der Algorithmus ein und empfiehlt mir immer mehr Menschen, von denen der Algorithmus glaubt, dass es thematisch interessant sein könnte. Und darüber haben wir uns praktisch dann im Schneeballsystem weitergehangelt, bis wir nachher eine große Menge von Profilen in der Hand hatten, die in diesem Themenbereich öffentliche Posts anbieten, raufladen, Videos, Fotos und so weiter. Kristina Kobrow: Also hier war der Algorithmus eine super Sache eigentlich für euch, weil ihr dadurch noch mehr Content sammeln konntet oder noch mehr Influencende. Stephan Dreyer: Ja, also vor allen Dingen auch zur Validierung, weil da sind dann oft die Profile aufgetaucht als Empfehlung, die wir schon auf unserer Liste hatten. Das war für uns dann die Bestätigung, auch der Algorithmus meint, hierbei handelt es sich um ein Profil aus dem Bereich Family Influencing, was für uns relevant sein kann. Und dann hatten wir also eine ganze Menge, mehrere hundert solcher Profile und dann haben eben die Einschluss- und Ausschlusskriterien Anwendung gefunden, wo wir gesagt haben, okay, wir wollen nur deutschsprachige, wir wollen nur Profile, die an irgendeiner Stelle auch Kinder darstellen. Also in Beiträgen auf Fotos, wo Kinder zu sehen sind, weil wir ansonsten gar nicht in den Bereich der Kinderdarstellungen kommen sozusagen. Und es musste eben ein monetarisiertes Profil sein. Das heißt also, wir haben nach Hinweisen geschaut bei jedem der Profile, ob es tatsächlich ein monetarisiertes Profil ist. Das heißt also, sagt man schon im Impressum, dass es eine GmbH ist, die das da zum Beispiel anbietet. Das machen einige Influencende als Gefäß sozusagen für dieses Gewerbe. Bei anderen haben wir Affiliate Links zum Beispiel getroffen. Also das heißt, es ist kein unentgeltliches Posten mehr, sondern dort soll es um Umsätze gehen, die da generiert werden, dadurch, dass ich auf Links klicke. Oder eben auch ganz klassisch sozusagen einzelne Beiträge, die als Werbung, als Ad oder Advertising oder dergleichen Sponsored Post bezeichnet worden sind, sodass wir dann auch wissen, okay, da gibt es also Kooperationsverträge. Jemand macht Umsatz mit diesem Post. Kristina Kobrow: Was habt ihr denn? Du hast jetzt eben schon gesagt, ihr könnt natürlich nicht die Grundgesamtheit irgendwie erkenntlich machen. Und trotzdem aber nochmal die Frage, ist dann Family Influencing aus deiner Sicht ein Nischenphänomen oder sprechen wir hier schon von einem Massenphänomen? Stephan Dreyer: Irgendwo dazwischen. Was wir wissen, ist, dass sich diese Branche professionalisiert hat in den letzten Jahren. Wenn man schaut, dass insgesamt ja Influencing zu einem großen Mainstream-Markt geworden ist, in dem sich viele tummeln, dann muss man sagen, hat sich das Themenfeld für Influencing sehr, sehr stark ausdifferenziert. Family Influencing ist so eins dieser ausdifferenzierten Untergenres, sage ich mal, von Influencing. Und dass wir jetzt in dieser Studie knapp 360 Profile untersucht haben, zeigt eben auch, dass es kein Einzelfall ist. Das sind also, es ist nicht eine kleine Gruppe, sondern das sind schon einige Hundert, die in Deutschland so unterwegs sind, dass man sagt, von außen betrachtet handelt es sich dabei um monetarisiertes Influencing. Und die Reichweiten, die die haben, sind sehr, sehr unterschiedlich. Also die kleinsten, die wir uns angeschaut hatten, waren knapp über 1.000 bei den Followerzahlen. Die größten weit über eine Million. Also sehr, sehr unterschiedlich sozusagen in der Art und Weise, wie die das Geschäft betreiben. Man hatte das Gefühl, einige waren schon zufrieden mit wenigen 1.000 Followern, die eine gute Community für sie sind. Und es reicht offenbar auch, um Kooperationsverträge angeboten zu bekommen. Bei anderen merkte man ganz deutlich, das ist auf Reichweitenmaximierung aus. Also die sind noch dabei sozusagen abzuheben, vielleicht noch am Anfang sozusagen ihrer Karriere als Influencende, die sehr viel auf Reichweite setzen, sehr viel auch Interaktionen mit der Community anbieten, um einfach noch mehr neue Follower zu bekommen. Kristina Kobrow: Weil das wollte ich dich jetzt fragen, woran merkst du das, dass jemand so auf Reichweite aus ist, an den Interaktionen zum Beispiel? Stephan Dreyer: Wenn jemand drei Posts am Tag macht zum Beispiel, dann tun die das vor allen Dingen, um dem Algorithmus zu sagen, dieser Account ist sehr aktiv, push mich. Also da wird versucht, das, was man weiß, wie Algorithmen funktionieren, was höher gewichtet wird zum Beispiel, sind immer längere Beiträge und mehrfach am Tag. Dann ist man sozusagen bei den Algorithmen sehr beliebt. Man wird öfter weiterempfohlen. Kristina Kobrow: Du hast jetzt gerade schon gesagt, 360 Profile habt ihr euch angeschaut. Wie ist das denn? Haben die denn, und ihr hattet ja drei soziale Medien analysiert, also auf TikTok, Instagram und YouTube, die Profile oder beziehungsweise die Influencenden, haben die dann mehrere Accounts auch auf unterschiedlichen Kanälen oder sind das wirklich ganz einzelne, unterschiedliche Accounts gewesen? Stephan Dreyer: Also die meisten haben auf mindestens zwei dieser Plattformen ein Profil. Die haben wir uns dann auch beide angeguckt, auch um zu verstehen, ob die Darstellung sich über unterschiedliche Plattformen verändert. Je größer der Account oder der Influencende wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf allen drei Plattformen entsprechende Profile findet. Also die breiten sich dann sozusagen über alle drei Plattformen aus. Die ganz kleinen sind oftmals welche, die auf einer der drei Plattformen nur vertreten sind und dort ja noch an der Community basteln sozusagen. Kristina Kobrow: Was sind denn jetzt die konkreten Ergebnisse? Also ist das Ergebnis tatsächlich, kann man das so pauschalisieren, dass die Eltern sorglos mit ihren Kindern umgehen oder wärst du da zurückhaltend, vorsichtig? Stephan Dreyer: Also wenn wir das Pferd von hinten aufzäumen, dann würde ich sagen, wir haben drei unterschiedliche große Cluster gefunden, was Kinderdarstellung angeht auf diesen Profilen. Und wir haben, bietet sich bei drei Clustern an und bei einer Betrachtung, die auch rechtliche Problematiken mit einschließt, haben wir dann die Ampel gewählt. Also mehr als die Mehrheit der Profile, die wir untersucht haben, ist bei der Ampel auf grün sozusagen. Das heißt, wir sehen dort bei den meisten dieser Accounts, sehen wir sehr, sehr zurückgenommene Darstellungen von Kindern. Das heißt also, die treten fast gar nicht oder nur sehr wenig überhaupt in Erscheinung in diesen Beiträgen. Sie sind in der Regel unkenntlich gemacht, also entweder Hand davor oder nachträglich verpixelt oder so ein Emoji drüber ist auch gern genommen. Kristina Kobrow: Über das Gesicht. Stephan Dreyer: Genau. Oder sie werden eben immer nur von hinten mit der Kamera aufgezeichnet. Und die tauchen meistens, also für uns sozusagen aus der Zuschauerperspektive, fast zufällig auf. Das heißt also, die Mutter oder der Vater spricht über irgendwas, einen Ausflug, den sie gemacht haben oder ein neues Produkt, was man ausprobiert hat. Und das Kind läuft dann manchmal nur so durchs Bild im Hintergrund, weil es sich einen Saft holt. Oder es zupft am Ärmel von der Mutter oder dem Vater und sagt, ich möchte noch einen Snack, hast du einen Apfel oder sowas. Also es sieht so aus, als ob das eher zufälliges Beiwerk ist sozusagen, was die Influencenden aber benutzen, um ihre Legitimation, also das Authentische ihres Accounts sozusagen zu beweisen. Also die Kinder sind dann irgendwie Teil manchmal vom Hintergrund. Aber das ist aus unserer Sicht eben vor allen Dingen, wenn die dann auch noch unkenntlich gemacht sind und offenbar nicht auf Anweisungen agieren in diesen Beiträgen, das hat für uns am wenigsten rechtliche Problematiken, auch am wenigsten ethische Problematiken. Das Kind ist eben nur Teil von einer Aufnahme, die die Eltern gerade machen durch Zufall. Kristina Kobrow: Aber es ist eben nicht verzichtbar, meintest du eben auch, weil das eben zur Authentizität oder Legitimierung beiträgt. Stephan Dreyer: Es scheint so, dass Eltern das Gefühl haben, so vorsichtig würde ich es formulieren, dass wenn ich im Bereich Family Influencing unterwegs bin, dass die Community es schätzt sozusagen aus Richtung Authentizität, dass man dort auch zeigt, dass man tatsächlich Kinder im Haushalt hat. Ob das aber ein gefühlter Anreiz ist oder ein tatsächlicher, der sich auch wirtschaftlich dann in Zahlen ausdrückt, das können wir von außen schwer beurteilen. Aber das war sozusagen die grüne Ampel. Dann haben wir eine Ampel, die ist gelb sozusagen. Das ist ungefähr ein Drittel der Beiträge, wo die Kinder teilweise identifizierbar sind. Teilweise werden sie unkenntlich gemacht oder die Eltern sind nicht so richtig konsistent. Also in einigen Beiträgen sind sie dann erkennbar, in anderen wieder nicht. Also da ist sozusagen nicht ganz klar, wie bewusst diese Unkenntlichmachung erfolgt. Und die haben mehr zu tun in den Beiträgen. Das heißt, die wenden sich auch mal in Richtung der Kamera, in Richtung der Zuschauer und sagen irgendwas da rein. Manchmal sind das gestellte Sachen, wo es irgendwie, da wird dann ein Sketch aufgeführt oder das Kind soll erzählen, wie es im Kindergarten war oder dergleichen. Also auf einmal kriegt es eine Rolle. Es ist nicht die Hauptrolle in diesem Account, aber es ist auf einmal anwesend sozusagen und auch als Statist jedenfalls im Bild. Und das ist schwieriger dort, wo die Kinder erkennbar sind, aus einer datenschutzrechtlichen, persönlichkeitsrechtlichen Sicht. Und es ist schwieriger aus einer Sicht von Kinderarbeitsschutz. Dort, wo die Kinder offenbar auf Anweisung der Eltern sozusagen irgendwas in die Kamera reinsprechen, performen sozusagen. Da ist das dann schon im Namen. Also da geht es dann schon um eine Art Schauspielerei sozusagen. Und damit sind wir gefährlich nah jedenfalls an Kinderarbeitsschutzrecht. Kristina Kobrow: Deswegen sind sie aber wahrscheinlich ja auch nicht verpixelt, oder? Also je größer die Rolle ist, desto mehr Aufmerksamkeit hat ja das Kind, oder? Stephan Dreyer: Ja, ich ahne, dass die Community meckert, wenn es einen Beitrag gibt, in dem das Kind eine große Rolle spielt, weil es eben was erzählt oder so. Und man sieht dann einfach nur den verpixelten ... Kristina Kobrow: Wer ist das? Stephan Dreyer: Genau. Das kann sein, dass das für Eltern solche Anreize dann mitbringt. Ja, und wir bleiben aber noch bei der Ampel, denn wir haben noch nicht über das Rote gesprochen. Das sind ungefähr 11% dieser untersuchten Beiträge. Also wir haben insgesamt knapp 10.100, also es waren 10.095 Einzelposts sozusagen, die wir untersucht haben. Und 11% davon haben wir in die Rote Ampel gelegt. Das sind Beiträge, in denen Kinder eine tragende Rolle spielen, die teilweise in privaten Kontexten, also im Kinderzimmer, im elterlichen Wohnzimmer aufgezeichnet werden, die häufig mit großen Reichweiten einhergehen und werblich, also klar werbliche Inhalte haben. Wo Kinder dann selbst Werbung machen für ein Produkt. Die haben dann irgendeinen Snack ausprobiert, irgendein Getränk und berichten also jetzt darüber, wie gut das schmeckt oder wie viel Spaß das bringt, das zu trinken oder dergleichen. Und da treffen aus unserer Sicht mehrere Risikodimensionen aufeinander. Nämlich zum einen Datenschutz, Persönlichkeitsrecht und der Kinderarbeitsschutz, der dann eine Rolle spielen kann, treffen da auf hochgradig kommerzialisierte Profile. Professionelle Content-Strategien sind da zu erkennen. Und die Kinder sind ganz klar gesetzt sozusagen in diesen Beiträgen oder in den ganzen Profilen als teilweise auch Protagonisten, also richtig als Hauptpersonen, die dort eine Rolle spielen. Kristina Kobrow: Kannst du denn sagen, oder war das erkennbar, dass bestimmte Altersgruppen, also ihr habt ja eben 0 bis 5 Jahre euch angeschaut, erfolgreicher waren als andere, also eine größere Reichweite generiert haben? Stephan Dreyer: Wir haben Regressionen gerechnet. Und es gibt statistische Zusammenhänge, statistische Korrelationen, zum Beispiel zwischen dem Alter der Kinder und den Interaktionen mit den Beiträgen. Also wenn man das jetzt in einen Satz bringen müsste, dann würde ich sagen, je jünger das Kind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es viele Interaktionen der Community gibt. Aber ob das jetzt an dem Alter des Kindes liegt, an der Form der Darstellung, das können wir nicht sagen. Es kann auch sein, dass das einfach, ja, ebenfalls statistisch signifikant, gute Beiträge waren, die die Community dazu gebracht hat, viel zu kommentieren. Vielleicht, wir haben uns die Kommentare halt nicht systematisch angeschaut, vielleicht sind es auch die, wo Kinder, sehr, sehr junge Kinder, unverpixelt zu erkennen waren und ein Shitstorm in den Kommentaren losgegangen ist, dann kann das eben sein, dass das gar nicht so ist, wie wir jetzt als eine Hypothese formuliert haben, je jünger, desto mehr Klicks sozusagen, sondern dass es bestimmte Beiträge einfach gab, wo jüngere Kinder zu sehen sind, die mehr Interaktionen hatten. Also so vorsichtig möchte ich das formulieren. Denn wir können nicht genau sagen, warum genau diese Beiträge dann mehr Interaktion generiert haben, also im Vergleich des jeweiligen Profils mit anderen Beiträgen. Kristina Kobrow: Das heißt, man kann auch schwer sagen, was ein Video oder ein Post erfolgreich macht, oder? Stephan Dreyer: Ja, aber das ist, glaube ich, ja eh das Goldgräbergeheimnis sozusagen von Social Media. Warum trendet jetzt das eine Video und das andere überhaupt nicht? Also dazu können wir nicht viel sagen, weil uns eine ganz, ganz große Dunkelziffer fehlt, nämlich wie der Algorithmus damit umgeht. Also wir können einen ganz tollen Beitrag gesehen haben, der aber vom Algorithmus, aus welchen Gründen auch immer, für nicht besonders empfehlenswert gehalten wird. Und der hat dann eine vollkommen andere Reichweite als einen Beitrag, wo der Algorithmus sagt, ah, hier trendet, glaube ich, was. Den spiele ich jetzt mal richtig aus. Also TikTok ist ja dafür bekannt zum Beispiel, dass die in mehreren Schleifen versuchen rauszufinden, automatisiert, was interessant sein könnte, was trenden könnte. Und das wird dann sozusagen in immer größeren Kreisen weitergereicht, um zu schauen, wie die Nutzerschaft darauf reagiert. Das hat dann möglicherweise gar nicht mehr so viel mit dem Inhalt zu tun, als vielmehr mit dem Algorithmus, der sagt, okay, der wird jetzt weiter ausgespielt als der andere. Kristina Kobrow: Du hattest vorhin schon gesagt, ihr habt euch auch angeschaut, wie sich die Darstellungen auf den unterschiedlichen Plattformen dann verändern. Magst du da nochmal erläutern, was ihr da gefunden habt? Stephan Dreyer: Ja, das ist gar nicht so aufregend. Denn was wir gesehen haben, ist tatsächlich, dass die gerade Instagram und TikTok praktisch parallel bespielen. Also da kommt einfach der gleiche Beitrag dann auf die beiden Plattformen. Es gibt die, die YouTube nutzen, machen da längeren Content drauf und packen dann praktisch Zusammenschnitte davon auf TikTok und oder Instagram. Also für die langen Inhalte ist sozusagen YouTube nach wie vor das Mittel der Wahl. Und wenn es um kurze Zusammenfassungen oder kurze Beiträge geht, dann sind es eben Instagram und TikTok. Kristina Kobrow: Lass uns nochmal mehr über die rechtliche Dimension sprechen. Du hattest jetzt in Nebensätzen ja auch schon erwähnt, zum Beispiel Datenschutz, Persönlichkeitsrecht. Braucht es dann, würdest du sagen, grundsätzlich strengere Regeln im Kontext Family Influencing? Stephan Dreyer: Strenger nicht. Ich glaube, es braucht bessere Regeln. Das hängt damit zusammen, dass wir den Eindruck haben, dass insbesondere bei der grünen und bei der gelben Ampel, dass wir es mit Eltern zu tun haben, die grundsätzlich verstanden haben, dass das vielleicht nicht die beste Idee ist, das Kind in die Öffentlichkeit zu zerren, sozusagen erkennbar. Aber dort, wo das nicht der Fall ist, haben wir nicht das Gefühl, dass die Eltern bösartig sind, sondern dass die schlicht nicht genau wissen, wie sie damit umgehen sollen. Und das ist, glaube ich, auch das Problem, insbesondere im Bereich Datenschutzrecht und Persönlichkeitsrechte. Wir haben dort einen Rechtsrahmen, und der sagt, wenn Kinder derart sozusagen dargestellt werden, erkennbar in sozialen Medien, dann brauchen wir eine Einwilligung. Und wir reden hier über Kinder unter sechs. Das heißt, die können noch nicht selber bewusst einwilligen. Sie verstehen nicht, was das bedeutet. Und deswegen, sagt das Gesetz, sollen die Eltern anstelle der Kinder einwilligen. Und das beschreibt jetzt das Hauptproblem. Wir haben hier also einen systematischen Interessenkonflikt auf Seite der Eltern, die ja einerseits ein wirtschaftliches Interesse daran haben, das Kind zu zeigen, wenn es denn mehr Authentizität bringt oder wenn es mehr Klicks bringt oder mehr Umsatz. Und auf der anderen Seite sollen sie dann aber im Interesse des Kindes sozusagen datenschutzrechtlich, persönlichkeitsrechtlich einwilligen. Das funktioniert nicht sozusagen. Je stärker der ökonomische Anreiz ist, je stärker die Plattformlogiken sozusagen bei der Medienproduktion für mich relevant sind, desto weniger ist jedenfalls die Gefahr, desto weniger werde ich die Risiken des Kindes mit einbeziehen in diese Abwägung. Und das ist etwas, was weder Datenschutz noch Persönlichkeitsrecht derzeit auflösen. Es gibt sozusagen nicht die Vorschrift, wo drinsteht, wenn die Eltern einen Interessenkonflikt haben bei der Einwilligung für ihr Kind, dann muss XYZ passieren. Deswegen ist es so schwierig, weil es kein Gesetz gibt, wo das drinsteht, was dann passiert, sondern die Eltern müssen im Prinzip ja entweder versuchen, trotzdem das Kindeswohl bei dieser Entscheidung mitzudenken, also sich selber eine Gänze im Kopf zu setzen sozusagen, oder aber sie müssen ans Familiengericht gehen und sagen, ich brauche ja mal einen Ergänzungspfleger, ich brauche eine Familienerziehung, sozusagen eine Person vom Familiengericht, die anstelle von mir im Interesse meines Kindes entscheidet. Und das sind in der Regel keine Ja-Nein-Entscheidungen, also das Kind darf nicht abgebildet werden, sondern dieser Ergänzungspfleger, der guckt sich das in der Regel an, wie oft soll das Kind vor die Kamera, wie lange dauern die Aufnahmen, was macht das Kind dann da und wie geht es damit um, also findet es das toll, macht es Spaß sozusagen, oder beeinträchtigt das das Kind. Und dann wird mit den Eltern im Prinzip eine Liste gemacht an Auflagen, unter denen die Eltern dann das Kind mit in den Beitrag bringen können. Kristina Kobrow: Ein Ergänzungspfleger vom Familiengericht, meintest du? Da müsste ich als Eltern sozusagen hin. Stephan Dreyer: Genau, aber so reflektiert muss man ja erst mal sein. Also da kommt ja nicht, also jedenfalls nicht im Datenschutzrecht, das Jugendamt und sagt, so geht das nicht. Mit solchen Fragen sind wir dann eher auf der anderen Seite, wenn es um Kinderarbeitsschutzrecht geht. Also dort, wo unabhängig davon, ob ich das Kind kenntlich mache, also ob das Kind erkennbar ist oder nicht, renne ich immer in ein Kinderarbeitsschutzrechtliches Problem, wenn das Kind auf meine Anweisungen hin sozusagen in meiner Medienproduktion mitwirkt. Und je öfter und je länger ich das mache, desto deutlicher ist dann ein Beschäftigungsverhältnis gegeben. Das geht. Also ich kann sozusagen auch meine eigenen Kinder beschäftigen, auch wenn sie sehr klein sind. Dann ist das vergleichbar mit einer Filmaufnahme für eine Werbeagentur zum Beispiel, wo das Kind dann als Kindermodel für einen Katalog oder irgendeine Modemarke sozusagen dann vor die Kamera muss. Mit dem großen Unterschied, dass die Eltern ja dann eigentlich diejenigen sind, die sagen können, was für das Kind gut ist und was zu viel. In unseren Fällen mit den Family Influencenden haben wir eben das Problem, dass die Eltern diejenigen sind, die diese Medienproduktion fahren. Und deswegen braucht es da eigentlich eine Person, die dann im Interesse des Kindes da drauf schaut. Kristina Kobrow: Ich muss nochmal nachfragen. Ich habe es noch nicht ganz verstanden. Aber was wären denn jetzt bessere Regelungen? Weil du meintest, es braucht nicht strengere, sondern es braucht bessere Regelungen. Worin bestehen sie jetzt konkret? Stephan Dreyer: Wir brauchen im Datenschutzrecht und auch im Persönlichkeitsrecht, also Bildnisschutz insbesondere, brauchen wir Auflösungsregeln für den Fall von Interessenkonflikten. Also was mache ich, wenn die gesetzlich bestimmten Eltern genau diejenigen sind, die dann auch die Medienproduktion in der Hand haben? Oder die Datenverarbeitung? Dann muss ich den Eltern sagen, was dann passiert. Also es gibt ein anderes Gutachten in dem Bereich Family Influencing und auch Sharenting, die gesagt haben, dabei handelt es sich um ein In-sich-Geschäft. Also das kennen wir aus dem Zivilrecht. Ich kann mit mir selbst keinen Vertrag schließen sozusagen, sondern es müssen immer zwei unterschiedliche Parteien sein. Und ein Vertrag, den ich mit mir selbst schließe, der ist nichtig. Das steht im BGB. Jetzt sind wir im Datenschutzrecht. Das ist nicht genau das Gleiche wie eine rechtsgeschäftliche Willenserklärung, sondern das ist eine datenschutzrechtliche Einwilligung. Aber man versteht das Prinzip. Man müsste dann eben sagen, was passiert mit diesen Einwilligungen, die im Rahmen so eines Interessenkonfliktes dann datenschutzrechtlich erteilt werden? Sind die gültig oder sind die nicht gültig? Und wenn sie nicht gültig sind, wer muss denn einwilligen für das Kind? Also das wäre das bessere Gesetz aus meiner Sicht. Und im Bereich Kinderarbeitsschutzrecht brauchen wir aus meiner Sicht vor allen Dingen mehr Awareness auf Seiten der Eltern. Das ist das Jugendarbeitsschutzgesetz. Das ist formuliert in einer Zeit, wo es weder Social Media noch Internet gab. Da ist also noch von Rundfunk- und Fernsehproduktion oder Medienproduktion die Rede. Und für Eltern ist das, selbst wenn sie da mal reingucken würden, nicht sofort erkennbar sozusagen, dass auch eigene Kinder Beschäftigte sein können von der eigenen Content Creation für Social Media. Ich glaube, das würde viel helfen, wenn im Jugendarbeitsschutzgesetz das ebenfalls als ein Fallbeispiel genannt ist, damit für alle klar ist, okay, ich muss mich hier mit jemandem auseinandersetzen. Das ist derzeit noch ein recht bürokratisches Verfahren. Ich brauche nämlich dann eine arbeitsschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung für mein Kind. Und da muss ich dann von Pontius zu Pilatus. Also ich muss erst zur Gewerbeaufsicht und das praktisch beantragen. Und die sagt dann, ich muss mit dem Jugendamt sprechen, ich muss mit dem Kinderarzt sprechen. Und die entscheiden dann sozusagen gemeinsam, unter welchen Bedingungen mein Kind dann an meiner Medienproduktion teilnehmen kann. Und ich ahne, dass selbst wenn Eltern mehr Awareness haben, dass sie dieses Verfahren im Zweifel nicht losstarten, weil es einfach doch schon auch viel mit Behörden zu tun hat. Kristina Kobrow: Es hört nie auf dann. Stephan Dreyer: Es ist ja gut, es ist ja im Interesse des Kindes. Also wir haben da dann genau das, was wir uns aus einer kinderrechtlichen Sicht ja vorstellen. In dem Moment, wo die Eltern möglicherweise ein Bias haben oder gar kompromittiert sind, im Interesse des Kindes zu entscheiden, bei diesen Social-Media-Beiträgen, ist dann jemand, der sagt, okay, das funktioniert unter folgenden Voraussetzungen. Unkenntlichmachung maximal 30 Minuten am Tag, maximal jeden zweiten Tag oder jeden dritten Tag, mindestens 48 Stunden Pause nach einer Aufnahme und Vorstellen alle drei Monate beim Kinderarzt, damit klar ist sozusagen, dieses Kind wird engmaschig betreut, damit nichts passiert sozusagen, was entwicklungsbeeinträchtigend ist. Also im Prinzip ein sehr, sehr guter Ansatz, aber eben dann ja gefangen in der Bürokratie, weil es ja damals für wenige hochprofessionelle Medienproduktionen im Prinzip geschrieben war. Und wir aber jetzt von Eltern ausgehen, die eben zu Hunderten ins Netz ihre Sachen stellen. Also das ist dann praktisch der falsche Adressat dieses etwas ältlichen Gesetzes. Also da würde eine Modernisierung und auch eine Entbürokratisierung tatsächlich helfen. Kristina Kobrow: Wenn wir jetzt nochmal auf die Plattform schauen, also auf YouTube, auf Instagram, auf TikTok, haben die Plattformen denn nicht aber auch eine Verantwortung? Also würdest du sagen, da braucht es auf jeden Fall auch noch andere Regeln als die, die es jetzt gerade gibt? Stephan Dreyer: Also sie könnten jedenfalls eine haben, denn sie haben ja den direkten Draht zu den Profilinhabern. Das sind die Nutzenden sozusagen, die die Inhalte einstellen auf diesen Plattformen. Von den drei Plattformen, die wir uns angeguckt haben, sagt nur YouTube in den Nutzungsbedingungen überhaupt etwas zur Darstellung von Kindern, aber das auch nicht im Family-Influencing-Kontext. Also es wäre aus unserer Sicht ein leichtes, kleine Änderungen an den Nutzungsbedingungen in der Richtung dann vorzunehmen, dass man sagt, wenn du kommerzialisiertes Profil hast bei uns und Kinder darstellst, also deine eigenen Kinder darstellst, dann achte bitte auf Folgendes. Und dann kann man gucken, was die Plattform eben als Policy ja dort vorsehen möchte. Also zum Beispiel, dann mach sie bitte unkenntlich oder film sie von hinten. Oder achte darauf, dass es ihnen immer gut geht. Mach keine Scherze auf ihre Kosten oder dergleichen. Also da kann man sich dann in den Nutzungsbedingungen schon austoben. Das hätte eben den großen Vorteil, dass man dann Beiträge, die dagegen verstoßen oder auch ganze Profile aus Plattformsicht dann löschen kann. Oder also jedenfalls erst mal eine Verwarnung schicken und sagen, also das ist ein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen. Und das kann man so machen, dass diese Voraussetzungen im Interesse der Kinder dann erfolgen und nicht nur im Interesse der Wirtschaft. Kristina Kobrow: Jetzt hast du das zu den Plattformen erläutert. Es gibt ja aber auch noch den anderen Player, sag ich mal, nämlich die Werbewirtschaft. Wie würdest du das denn einschätzen? Also was gibt es da noch für Hebel, die sich bewegen können? Stephan Dreyer: Also auch wieder aus unserer Sicht sind das sehr, sehr gute Hebel, weil nämlich das Geld von dort kommt. Da kommen Kooperationsverträge über das Management, über Werbeagenturen zu kleinen und großen Kampagnen, zu einzelnen Produkten oder Dienstleistungen. Und die Family Influencenden gehen diese Verträge ein, wenn sie denn wollen, und fertigen dann die entsprechenden Beiträge an. Und wenn in diesen Verträgen zum Beispiel drinstehen würde, was die Kinderschutzstandards sind, an die sich alle Influencenden zu halten haben, denn sonst gibt es kein Geld, das wäre schon ein starker Anreiz. Also die hätten einfach einen richtig guten Hebel, um Eltern daran zu erinnern, dass es auch um Rechtsverletzungen gehen kann sozusagen. Und die kann man eben ausschließen durch solche Verträge. Also Kooperationen einfach an Kinderschutzstandards knüpfen und die Werbewirtschaft wäre auch gesellschaftlich verantwortlich. Sie könnte sozusagen damit zeigen, dass sie auch Kinderrechte ernst nimmt. Ein Beispiel, was wir auf einem Workshop hatten, war, dass man Standardvertragsklauseln vorhält, im Bereich Werbeagenturen zum Beispiel, wo man sagt, okay, die Standardvertragsklausel für Kinderschutz bei allen unseren Verträgen ist folgender. Und wenn man solche Sachen vorhält und anbietet, dann kann das natürlich auch schnell in die Breite gehen in der Werbewirtschaft. Also dass es nachher eine Standardklausel ist, die sich in allen Verträgen findet, da wäre dann für den Kinderschutz schon viel gewonnen. Kristina Kobrow: Aber die gibt es doch für Werbefilme oder so auch, oder? Wenn da jetzt Kinder eben die Hauptperson sind, die, weiß ich nicht, für Kinderriegel oder sonst was werben, gibt es da keine Klauseln? Stephan Dreyer: Nee, weil wir in diesem klassischen Medienproduktionen ja das Kinderarbeitsschutzrecht haben, was da gilt. Das heißt also, die Eltern, die da mit dem Kind ankommen, die müssen als allererstes die arbeitsschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung vorhalten bei der Produktion, sonst geht es überhaupt nicht weiter. Und in diesen Ausnahmegenehmigungen steht dann genau drin, wie lange das Kind vor der Kamera und hinter der Kamera und am Set und so weiter dann arbeiten darf. Da ist alles drin sozusagen und man ist rechtlich auf der sicheren Seite. Und das haben wir hier nicht, weil die Vertragspartner eben die Eltern sind. Kristina Kobrow: Du hast ja schon an manchen Stellen, oder an vielen Stellen, ja auch die Risiken genannt, aber auch da, glaube ich, das müssten wir nochmal konkret benennen. Also was für ein Risiko besteht denn für die kleinen Kinder, wenn sie in diesen Videos, ob jetzt verpixelt oder nicht, zu sehen oder zu hören sind? Stephan Dreyer: Ja, also dort, wo sie zu erkennen sind, entweder anhand der Stimme, anhand des Aussehens oder an bestimmten Körpermerkmalen, da haben wir mit dem Internet und mit Social Media Plattformen ja ein Gebilde, das schlecht vergisst. Das heißt also, diese Aufnahmen sind auch nach Jahren noch auffindbar und es kann sein, dass die Kinder, wenn die Kinder älter werden, dass andere sie dann finden und dann geht das mit dem Mobbing los. Also das wissen wir aus dem Bereich Kidfluencing, wo Kinder selber sozusagen als Influencende auftreten. Da gibt es zwei Studien aus den USA etwa, die die dann nach Jahren gefragt haben, was hat das mit dir gemacht? Und da ist eben klar, also es gibt keinen Fall, bei dem das gut gegangen ist sozusagen, sondern die werden alle früher oder später damit konfrontiert, meistens in einer eher negativen Art, also hänseln, sich dann lustig machen darüber und in dem Moment wird man konfrontiert mit dem viel jüngeren Ich sozusagen, wo man vielleicht auch, weil man es witzig fand oder weil die Eltern das wollten, halt sich bestimmt geriert hat im Netz und das holt einen dann wieder ein. Und das sind die, finde ich, sehr greifbaren Sachen, wo man sagen muss, okay, das ist ein Risiko, was passieren kann. Ich schaffe praktisch ein permanentes Bild meines Kindes, auch wenn es selbst später damit nichts mehr zu tun haben will, davon nichts mehr wissen will. Aber es gibt auch noch so Sachen, die sind ein bisschen weniger greifbar, aber aus meiner Sicht genauso relevant. Das eine ist, dass das Zuhause für Kinder ja in der Regel jedenfalls ein Ort der Sicherheit und der Zuverlässigkeit und der Unterstützung ist. Wenn solche ökonomischen Anreize auf einmal direkt in das Zentrum dieser familiären Vertrautheit reinwirken, dann kann das eben dazu führen, dass dieses Sicherheitsnetz gefühlt verloren geht für Kinder. Also dann ist das eben nicht mehr das Zuhause, wo Mama und Papa sich um mich kümmern, sondern dann ist das das Zuhause, wo Mama und Papa mir sagen, was ich vor der Kamera machen muss, damit das möglichst gut Umsätze bringt. Und der Verlust von so einem Sicherheitsraum, von einem familiären, der kann für Kinder nachhaltig beeinträchtigend sein. Also das ist etwas, was in den Beiträgen so nicht zu sehen ist, weil die Eltern sind wirklich alle sehr, sehr zugewandt und nett, muss man sagen. Aber das kann viel subtiler funktionieren. Und wir haben Beispiele dafür gefunden, wo über den Verlauf eines Profils Kinder offensichtlich sich professionalisiert haben, sich versucht haben anzupassen an die neue Erwartung von den Eltern, von der Community, von der Plattform. Also man fängt an, der Kamera zu gefallen. Am Anfang sind das Beiträge, wo das Kind ist desinteressiert sozusagen an dem, was passiert. Aber über Monate und Jahre passieren dann Dinge, wo das Kind anfängt, mit der Kamera zu kokettieren, mit den Eltern gemeinsam zu performen vor der Kamera. Und daran merkt man dann so ein bisschen, dass dann auf einmal andere familiäre Logiken Einzug erhalten, als das ohne die Kamera passiert wäre wahrscheinlich. Kristina Kobrow: Aber da frage ich mich jetzt dann auch, also ist das denn überhaupt eine gute Lösung, diese Kinder zu verpixeln oder ein Emoji aufs Gesicht zu setzen oder so? Weil dieser sichere Raum, das Zuhause, das wird ja trotzdem sozusagen dann, ich will es gar nicht angegriffen sagen, aber das löst sich ja sozusagen dann auf, oder? Weil ich irgendwie vorhin noch dachte, na ja, dann ist es eben wirklich vielleicht diese Lösung, immer die Kinder unkindlich zu machen. Aber das eine löst ja das andere Problem nicht. Stephan Dreyer: Genau, also das ist eine einfache Lösung für Fragen des Datenschutzes und des Persönlichkeitsrechts, aber diese innerfamiliäre Beziehung, die sich verändert durch solche Sachen, da kann Recht nicht helfen. Das ist also innerste Familie sozusagen. Sondern da braucht es vor allen Dingen Reflexionsfähigkeit von den Eltern und aber auch das richtige Bauchgefühl sozusagen. Denn na klar, so was kann den Kindern ja auch Spaß bringen. Das ist ja nicht so, dass das irgendwie alles Zwang ist und doof. Sondern das kann richtig lustig sein. Man kann kreativ sein, wenn man sowas spielt oder nachspielt oder wenn man Quatsch macht vor der Kamera und so weiter. Also das ist nicht per se negativ, sondern die Eltern müssen dann eben sehr genau ein Fingerspitzengefühl dafür entwickeln, was dem Kind Spaß bringt sozusagen, wo es dabei ist und wo es dann kippt. Und das ist eben das Schwierige, dieses Kippen festzustellen, wenn das Geld winkt auf der anderen Seite. Also das ist jedenfalls das strukturelle Problem. Ich bin mir sicher, dass auch das Eltern, die reflektiert sind, auch das hinkriegen. Aber es ist eben aus einer abstrakten Sicht sozusagen, das Hauptproblem beim Family Influencing. Kristina Kobrow: Aber nochmal zu den Praktiken der Unkenntlichmachung quasi. Ich hatte geschaut, ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob das stimmt bei den Verpixelungen, dass das mittlerweile KI auch wieder rückgängig machen kann. Stimmt das tatsächlich? Oder was würdest du denn dann empfehlen, wie man es dann am besten machen kann? Stephan Dreyer: Also ich habe es probiert. Kristina Kobrow Du lachst. Stephan Dreyer: Ich liebe ja alles, also ich liebe nicht KI, aber ich liebe es, Sachen mit KI auszuprobieren, von denen andere behaupten, dass das irgendwie gar kein Problem wäre. Man kann KIs bauen, die solche verpixelten Gesichter zurückrechnen. Dazu muss die KI aber genau wissen, welche Verpixelung angewandt worden ist. Wenn sie das nicht weiß, dann rechnet sie ein Gesicht zurück, was ein Gesicht ist, aber nicht das Gesicht des Originals sozusagen. Also es halluziniert sozusagen ein anderes Gesicht dann auf das Kind. Wenn die KI weiß, mit welchem Verpixelungsalgorithmus verpixelt wurde, dann klappt es eigentlich ganz gut. Aber das kann man von außen eben nicht erkennen sozusagen. Da müsste man dann rumprobieren. Insofern würde ich sagen, noch ist die Verpixelung nicht verloren. Als Tool der Unkenntlichmachung. Aber natürlich, wenn man dann ein Emoji drüber packt oder ein schwarzes Rechteck oder dergleichen, dann besteht natürlich die Gefahr auch gar nicht. Was wir auch probiert haben, kann ich noch kurz erzählen, bei den Kindern, die von hinten oder von schräg hinten immer aufgenommen werden. Da haben wir gesehen, dass es bei einigen Profilen dazu kommt, dass das Kind manchmal von links hinten, manchmal von rechts hinten, also aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aber nie mit dem ganzen Gesicht aufgenommen worden ist. Und das konnte die KI tatsächlich relativ gut. Also wenn man Teile des Gesichtes in einzelnen Beiträgen nur sieht und man packt die aber zusammen in die KI und sagt, wie sieht das Kind aus, dann kriegt die KI das mittlerweile ziemlich gut hin, soweit wir das beurteilen können. Denn wir kennen ja nicht das unverpixelte Gesicht. Aber so, dass man sagt, okay, ja, das sieht so aus wie das Kind auf dem Video. Kristina Kobrow: Was würdest du denn sagen, auch wenn du es dir schon wirklich klargemacht hast, du willst den Eltern keinen bösen Willen unterstellen, es kann den Kindern ja auch Spaß machen usw. Aber wenn jetzt hier Eltern vielleicht auch zuhören, die denken, ich war vielleicht doch irgendwie zu unvorsichtig oder möchte irgendwie doch noch bewusster sein, was gibt es denn für Exit-Strategien? Stephan Dreyer: Also wäre es eine Strategie, einfach die Bilder zu löschen? Ja, also klar, wenn ich sage, ich möchte jetzt, dass meine Kinder geschützt sind, ich habe mich dazu entschieden, das kann man ja auch transparent machen gegenüber den Followern, dass man sagt, wir haben alle alten Beiträge runtergenommen, wo die Kinder zu erkennen waren. Das ist eine Möglichkeit. Es ist nicht auszuschließen, dass durch Weitergabe, durch Sharing, durch Runterladen, irgendwo anders raufladen, trotzdem noch solche Darstellungen im Netz kursieren. Aber es ist ein guter erster Schritt. Und für die anderen, die dann praktisch missbräuchlich von Fremden wieder irgendwo raufgeladen werden, da muss man dann zusehen, dass man das zum Beispiel mit Bildsuchverfahren versucht dann auch noch aus dem Netz zu bekommen, wenn man das dann eben so entschieden hat. Kristina Kobrow: Und wo kann ich mich jetzt als Eltern noch weiter informieren, was ich wissen muss als Influencer, Influencerin? Stephan Dreyer: Das hat relativ viele Aspekte. Also erstmal sind natürlich medienpädagogische Plattformen wie Klicksafe, Elternguide Online und so weiter, Schauhin muss ich auch nennen unbedingt. Das sind erstmal Angebote... Kristina Kobrow: Verlinken wir alles in den Shownotes. Stephan Dreyer: Und mehr. Aber das sind erstmal Angebote, wo ich überhaupt einen Einstieg bekomme, was mir hilft, über mögliche Nachteile der Darstellung von Kindern in meinen Social Media Accounts nachdenklich zu werden, ein bisschen zu reflektieren. Und wenn es dann darum geht, jetzt bin ich schon Influencer oder möchte einer werden im Bereich Family Influencing, dann hilft es natürlich, da am besten sowas wie den Goldstandard zu fahren sozusagen. Und dafür haben im Rahmen der Studie auch die fünf Landesmedienanstalten, die hier das Geld bewilligt haben für diese Studie, ebenfalls Handreichungen veröffentlicht. Die Eltern zeigen sozusagen, worauf es ankommt. Wie kann ich möglichst kindgerecht sozusagen, möglichst wenig rechtsverletzend meine Kinder in meinen Influencing-Profilen darstellen. Die können wir auch verlinken. Kristina Kobrow: Dann wäre meine letzte Frage nochmal an dich, oder eigentlich ist es eher eine letzte Bitte. Magst du nochmal zusammenfassen jetzt aus deiner Sicht, was für dich jetzt wirklich das Wichtigste ist, die Erkenntnis aus der Studie, und was du noch unseren Hörerinnen und Hörern mitgeben möchtest zum Family Influencing? Stephan Dreyer: Ja, also wir haben hier eine spannende Studie, die zum ersten Mal einen Überblick über die Family Influencing Landschaft in Deutschland bietet und vor allen Dingen, wie Kinder dabei dargestellt werden. Das gab es vorher nicht, deswegen ist das ein wichtiger erster Schritt, dass wir mehr darüber wissen, wie dieses Wirtschaftssektor funktioniert. Und als Ausblick möchte ich eigentlich mitgeben, eine Art Beruhigung. Wir haben im gesellschaftlichen Diskurs oft skandalöse Einzelfälle, die krasse Rechtsverletzungen darstellen und die dann sozusagen vorgehalten werden, als Beispiel dafür, wie schlimm es dort zugeht. Wir haben jetzt ein Sample gehabt mit über 10.000 Beiträgen und wir haben diese skandalösen Einzelfälle im Sample nicht gesehen, sondern wir haben gesehen, dass ein Großteil der Eltern die Kinder unkenntlich macht, sie nicht einsetzt wie Mitarbeitende, sondern eben eher als zufällige Begegnung in der Familie, hinter und vor der Kamera und dass die Eltern sehr zugewandt sind, was ihre Kinder angeht. Also wir haben nicht die schwarzen Schafe gesehen, die auf Kosten ihrer Kinder ihr ganzes Leben monetarisieren und vor die Kamera halten, sondern tatsächlich auch authentisches Familienleben, wo wir sehen, dass Eltern erst mal nicht böse sind, sondern ihre Kinder lieb haben. Und ich fand das sehr beruhigend, weil wir ja vorher auch nicht wussten, was wir finden bei dieser Studie. Aber eigentlich haben die alle ihre Kinder lieb. Und das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir über Verbote, über Strafen und Risiken und so weiter reden, sondern wir müssen eben auch im Kopf behalten, dass das auch in den meisten Fällen ganz normale Familien sind. Kristina Kobrow: Das lasse ich nur allzu gerne so stehen. Ich danke dir, lieber Stefan, und wünsche dir noch einen schönen Tag. Stephan Dreyer: Sehr gerne. Danke dir, Kristina. Kristina Kobrow: Tschüss. Stephan Dreyer: Ciao. Outro: Wie werden Babys und Kinder bis zu fünf Jahren auf den Plattformen Instagram, TikTok und YouTube in monetarisierten, deutschsprachigen Family-Influencing-Profilen dargestellt? Dazu durfte ich heute sprechen mit meinem Kollegen Dr. Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung I Hans-Bredow-Institut. Wer noch mehr über die Studie oder die Arbeit am Hans-Bredow-Institut erfahren möchte, der schaut am besten auf unserer Website vorbei. Das ist leibniz-hbi.de oder folgt uns auf den Plattformen LinkedIn oder BlueSky. Mein Name ist Kristina Kobrow und dies ist der BredowCast.